Wettergefangene auf Helgoland

Sturmtief Zacharias machte uns zu Gefangenen auf der Insel. Ohne Verbindung zum Festland, mit waagrecht fliegendem Sand, hoch über die Molen spritzenden Wellen und einer Wildwasserfahrt zwischen Düne und Hauptinsel. Ein richtiges Naturgewaltenabenteuer!

Sturmmorgen

Zwei Tage nach unserer Ankunft auf der Insel war er da, der angekündigte Sturm. Er fegte um unseren Bungalow herum, es hörte sich wie leises Donnern an. Heute kamen keine Schiffe zur Insel, weder die MS Helgoland noch die Katamarane.

Von unserem Häuschen aus konnten wir die schnell ziehenden Wolken beobachten und die hochspritzende Gischt sehen, wenn die Wellen gegen die Tetrapoden schlugen. Ab und zu lugte sogar die Sonne durch die Wolken.

würden wir den Sturm nicht brausen hören und sehen, sähe das Wetter gar nicht so schlecht aus
ganz schön unruhig, die See

Um 8 Uhr beobachtete ich, wie sich die Witte Kliff durch die Wellen kämpfte. Sie schaukelte und tanzte wie ein Spielball auf den Wellen, beschrieb einen großen Bogen, um gegen den Wind in den Hafen einzufahren. Sie kam kaum voran. Die Gischt spritzte übers ganze Boot. Irgendwann hatte sie es dann doch geschafft. Ich zweifelte, ob unter diesen Umständen der Fährverkehr bestehen blieb.

Gegen 9 Uhr klopfte eine Dünenmitarbeiterin an unsere Tür. Sie empfahl uns, notwendige Einkäufe am Vormittag zu erledigen und dass möglichst nur einer zur Insel fährt, im Idealfall aber alle heute auf der Düne bleiben. Letzteres war nicht möglich. Unsere Vorräte reichten nur noch bis mittags. Essengehen war ebenfalls nicht möglich – das Restaurant am Flughafen hatte Ruhetag und das Dünenrestaurant am Südstrand blieb wegen des Sturms geschlossen. Zum Glück hatten wir dies am Vorabend zufällig mitbekommen.

heute ist die Insel vom Festland abgeschnitten

Einkaufsfahrt

Unser 15-Jähriger und ich waren die einzigen Fahrgäste, die um 9:30 Uhr zur Insel übersetzten. Ferdinand wollte sich eine schaukelige Bootsfahrt mit seinem geschienten Arm nicht zumuten und unser Jüngerer konnte nicht richtig laufen, weil er sich tags zuvor das Knie so massiv gestoßen hatte, dass es immer noch geschwollen war. Schade. Für ihn wäre diese Bootsfahrt wie eine Wildwasserbahnfahrt gewesen.

„Hinsetzen und nicht mehr rumlaufen“, bekamen wir beim Einsteigen die Anweisung. Die Witte Kliff bewegte sich zwar kräftig auf und ab, aber insgesamt war es halb so wild wie befürchtet.

trotz Sturm müssen wir mit der Fähre zum Einkaufen fahren

Im Gegensatz zum Vortag, als wir durch den halben Laden an der Kasse anstehen mussten, konnten wir heute ganz in Ruhe einkaufen. Das anschließend erbettelte Eis für unseren Teenager fiel allerdings aus, weil auch die Eisdiele wegen des schlechten Wetters geschlossen blieb.

auf der Dünenfähre schwankt die Welt ganz schön

Auf der Rückfahrt zur Düne kam der Sturm stärker zum Tragen. Nun erlebten wir hautnah, was ich in der Früh beobachtet hatte. Die Witte Kliff drehte vor der Einfahrt in den Dünenhafen gegen den Wind. Immer wieder nahm der Kapitän das Gas komplett weg, dann donnerte eine Welle gegen das Boot. Alles wackelte. Es hörte sich an, als würde die Witte Kliff entzweigeschlagen werden. Wir fühlten uns wie in einer Nussschale mit Deckel, der unheimlichen Kraft von Wind und Wasser ausgeliefert. Nach mehreren dieser Wellenschläge schafften wir es endlich, die Hafeneinfahrt zu passieren. Hinter der Mole geschützt ging es deutlich ruhiger weiter bis zum Anleger. Was für ein Abenteuer! Das Video dazu findet ihr hier.

Sturmdünenrundgang

Den restlichen Tag blieben wir auf der Düne, obwohl die Witte Kliff trotz Sturms bis 17 Uhr im normalen Halbstundentakt pendelte. In unserer Hütte blieben wir allerdings nicht. Eingepackt in unsere Windjacken sahen wir uns die Wellen an der Nord-Westmole an. Da Ebbe war, waren sie nicht ganz so groß, wie erwartet. Über den Nordstrand fegte ein Sandsturm, der die Sandkörner waagrecht fliegen ließ und uns ins Gesicht blies. Wir machten kehrt. Nur ich konnte es nicht lassen, noch ein wenig weiter zu laufen. Am Panoramaweg, einem Holzbohlensteg oberhalb des Nordstrandes, konnte ich kaum geradeauslaufen, so sehr traf mich der Seitenwind.

auf dem Panoramaweg kann ich mich kaum geradehalten im Sturm
vom Sturmwind aufgeplustert

Über einen Hohlweg, getrieben vom Sandsturm, wechselte ich ein Stück ins Düneninnere. Der Weg führte mich durch den Zeltplatz. Bei diesem Sturm im Zelt! Ich beneidete die Camper nicht.

Zeltplatz auf der Helgoländer Düne
bei diesem Sturm beneide ich die Zelter nicht

Ich schaffte es tatsächlich fast einmal um die Düne herumzulaufen. Hinter dem Flughafen kehrte ich nochmals zum Nordstrand zurück, lief dann mit dem Sandsturm zum steinigen Oststrand hinüber. Am Südstrand wurde es dann so richtig ungemütlich, weil ich hier dem Sandsturm entgegenlaufen musste, um zurückzukommen. Einige Leute hatten es sich in ihren Strandkörben bequem gemacht und beobachteten von dort aus windgeschützt das Sturmgeschehen. Ich war schließlich auch froh, in den Windschatten zu kommen. Der Lärm und das Zerren des Sturms am Körper war auf Dauer sehr anstrengend.

Sturm mit Sandverwehungen am Nordstrand
Sandsturm am Südstrand

Gischtbedeckt in den Abend

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir dann doch weitgehend in unserer Unterkunft. Erst am späten Nachmittag, bei Fluthöchststand, kämpften wir uns nochmals gegen den Wind am Hafenbecken entlang zur Westmole. Schon von weitem konnten wir die hoch über die Kaimauer schlagenden Wellen sehen.

schon aus der Ferne sind die über die Mole schlagenden Brecher zu sehen
Wellen und Gischt spritzen über die Mole der Düne

Wir waren nicht die einzigen am Aussichtspunkt Dünenhafen, die die aufgewühlte, sturmgebeutelte See und die großen Brecher bewunderten. Ich konnte meinen Fotoapparat kaum stillhalten, so sehr riss der Wind an meinen Armen. Nach 1-2 Fotos waren Linse und Kamera von Gischttröpfchen übersät. Hände und Gesicht waren mit einer dünnen Salzschicht bedeckt, die Augen fühlten sich nach getrockneten Tränen an. Ein Mann wagte sich unten recht nahe an die Kaimauer heran. Alle am Aussichtspunkt Stehenden warteten nur darauf, dass er geduscht wurde. Klitschnass kehrte er schließlich zu uns zurück.

vom Aussichtspunkt Dünenhafen ist das ein spannendes Schauspiel
auch vom Nordstrand aus sind die großen Wellen faszinierend

So heftig der Sturmwind uns auch durchpustete und seine Spuren hinterließ, sosehr faszinierte es uns, dieses Naturschauspiel hautnah zu erleben. „Endlich passiert hier mal was“, freute sich eine Frau neben mir (zum Video).

der Sturmwind pustet die Gischt bis zu uns nach oben
wer richtig geduscht werden möchte, wagt sich näher

Gischtdusche

Am nächsten Tag hatte sich der Sturm etwas beruhigt, fegte aber immer noch ausreichend stark über die Insel. So stark, dass die Katamarane weiterhin am Festland blieben und nur die MS Helgoland fuhr.

Nun probierten auch unser 12-Jähriger und Ferdinand die Gischtdusche an der Dünen-Westmole. Wie gut, dass die Hosen im Nu wieder trockengeblasen waren.

unser Sohn ist ebenfalls abenteuerlustig
jetzt aber schnell

Westmole auf der Insel

Welch ein Unterschied zur Westmole der Düne! Auf der Hauptinsel schirmte keine weitere Insel die Wucht des Sturmes ab. Hier war der Wellengang nochmals deutlich höher als auf der Düne. Faszinierend!

Unser Sohn wollte nun endlich auch die Lange Anna sehen. Als ich mich am ersten Tag mit unserem Großen auf den Weg gemacht hatte, hatte er keine Lust gehabt. Jetzt pustete uns der Sturmwind fast vom Klippenrandweg, noch bevor wir die Westseite erreicht hatten. Sicherheitshalber kehrten wir um und verschoben den Klippenrundgang um einen weiteren Tag. Insel der Entschleunigung eben.

die Brecher, die über die Westmole der Hauptinsel schlagen sind noch größer
hier ist das Meer richtig aufgewühlt
sehr faszinierend zu beobachten

Wart ihr auch schon einmal Wettergefangene? Wo war das und was habt ihr dabei erlebt?

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